Forschung am Lehrstuhl Psychologische Ergonomie

Die Forschungsschwerpunkte am Lehrstuhl befassen sich mit inhaltlichen und methodischen Fragen der psychologischen Mikroergonomie (der Mensch-Technik-Interaktion) sowie der Makroergonomie (der Arbeitsgestaltung) und werden mit Themen aus der Verkehrsforschung und den Kognitionswissenschaften ergänzt.


Mikroergonomie: Methoden und Gestaltungsansätze für intuitive Benutzung

Intuitive Benutzung entsteht durch die automatische Anwendung von Vorwissen bei der Interaktion mit Produkten. Neue Interaktionsparadigmen wie Multitouch- und Gesteninteraktion sowie Tangible User Interfaces versprechen intuitive Benutzung durch die automatische Anwendung prozeduralen (Erfahrungsbasis-) Wissens. Die oft behauptete Überlegenheit der neuen Paradigmen über konventionelle Interaktionsformen ist allerdings kaum empirisch belegt und es ist unklar, welche Gestaltungsmittel konkret zum Erfolg führen. Innerhalb des Forschungsschwerpunktes werden zum einen empirische Vergleiche zu den Vor- und Nachteilen neuer Interaktionsparadigmen durchgeführt und aus den Ergebnissen Anwendungsempfehlungen erarbeitet. Zum anderen werden neue Ansätze für die Gestaltung intuitiver Benutzung identifiziert und ausgearbeitet. Hierbei werden neueste Erkenntnisse aus den Kognitionswissenschaften empirisch auf ihre Brauchbarkeit für die Gestaltung intuitiver Benutzung untersucht. Einen Schwerpunkt bildet dabei die Forschung zu Image Schemata und konzeptuellen Metaphern. Diese Forschung wurde gefördert durch die EU (Marie Curie, Projekt INCLUDIS) und dem BMBF (KMU innovativ, Projekt IBIS).

Ansprechpartner: Jörn Hurtienne, Diana Löffler


Mikroergonomie: Inklusives Design

Inklusives Design ist ein Ansatz, bei dem Produkte für Benutzerpopulationen mit der größtmöglichen Spannbreite an Fähigkeiten gestaltet werden, ohne dass spezielle Anpassungen oder Designs notwendig werden. Im Mittelpunkt der Forschung am Lehrstuhl stehen ältere Benutzer und ihre kognitiven Fähigkeiten (im Gegensatz zu den sensorischen und motorischen Fähigkeiten). Über die Gestaltung von User Interfaces für gesunde ältere Benutzer hinaus werden Gestaltungsmöglichkeiten von User Interfaces für kognitiv beeinträchtigte Personen erarbeitet (z.B. Demenzpatienten). Projektunterstützung erhalten wir dabei von der Robert-Bosch-Stiftung und der Bayerischen Forschungsstiftung.

Ansprechpartner: Jörn Hurtienne, Ly Tung Nam


Makroergonomie: Gestaltung von Wissensarbeit

In den Arbeitswissenschaften werden Wissensarbeiter bisher als eine der gesundheitlich am wenigsten gefährdeten Gruppen angesehen, da sie keinen größeren körperlichen Belastungen ausgesetzt sind und das Ausmaß verfügbarer Ressourcen (z.B. Qualifikationen, Handlungsspielräume) hoch ist. Der zunehmende Anteil von Wissensarbeit an der Beschäftigung in Deutschland, die aktuelle Debatte um psychische Überlastung (Burnout) in den Medien sowie die Ergebnisse eigener Forschung zu Zeit- und Leistungsdruck bei wissensintensiven Tätigkeiten zeigen, dass es nötig wird, gängige Arbeitsgestaltungskonzepte zu hinterfragen. Ziel dieses Forschungsschwerpunktes ist, einen Beitrag zur Psychologie und Gestaltung von Wissensarbeit zu leisten. Zentraler Bestandteil des Forschungsschwerpunktes ist seit Juni 2013 das Projekt „Psychische Belastungen im Wandel der Arbeit: Individuelle und organisationale Bewältigungsstrategien“. Das Projekt ist Teil des Forschungsverbunds FORCHANGE und wird gefördert durch das Bayerische Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst.

Ansprechpartner: Jörn Hurtienne, Carolin Blum


Mikro- und Makroergonomie: Human Factors im medizinischen Bereich

Medizinische Bereiche wie Intensivpflege und Anästhesie sind komplexe Arbeitsumgebungen. Patienten in diesen Bereichen benötigen meist lebensunterstützende Maßnahmen, für die spezielle technische Geräte und ein interdisziplinäres medizinisches Team benötigt werden. Da Unfälle schwerwiegende Konsequenzen haben können, ist es wichtig die Mensch-Technik-Interaktion und die Arbeitsgestaltung menschengerecht zu gestalten. In verschiedenen Projekten erforschen wir z.B. den Effekt von Technik auf die Körperhaltung von Anästhesisten, die Aufmerksamkeitsverteilung von Anästhesisten während bestimmten Prozeduren oder den Effekt von Multitasking und Unterbrechungen auf kognitive Prozesse und Fehler. Ziel ist es die kognitiven Prozesse in diesen komplexen Arbeitsumgebungen zu verstehen und Empfehlungen für Arbeitsgestaltungsmaßnahmen zu geben, um langfristig die Patientensicherheit zu verbessern und die Gesundheit der Arbeitnehmer zu erhalten. Projektpartner sind das Universitätsklinikum Würzburg und die University of Queensland, Brisbane, Australien.

Ansprechpartner: Tobias Grundgeiger


Verkehrsforschung: Radverkehr und medizinische Einsatzfahrten

Radverkehr fördert Umweltschutz und Gesundheit. Jedoch ist wenig Forschung vorhanden, die aus Sicht des Fahrradfahrers untersucht, welche Hindernisse, Probleme und Möglichkeiten der alltägliche Weg mit dem Fahrrad durch eine Großstadt beinhaltet. Die Fragestellung dieses Schwerpunktes ist zunächst explorativ. Wir stellen fest, wie Fahrradfahrer auf Hindernisse reagieren und wie sie typische unfallträchtige Verkehrssituationen meistern (z.B. Einfahren in den fließenden Verkehr, links Abbiegen). Die Ergebnisse können für die Gestaltung von Fahrradinfrastruktur und zur Gefahrenaufklärung verwendet werden.

Ansprechpartner: Jörn Hurtienne

Zeitkritische Einsatzfahrten im medizinischen Dienst können hinsichtlich der Verkehrsordnung mit Sonderrechten ausgestattet werden. Zeitdruck, Beachtung von Sonderrechten und das eigentliche Fahren sind jedoch nicht die einzigen Anforderungen an den Fahrer. Der Fahrer muss z.B. zusätzlich das Signalhorn bedienen, den Funkverkehr beachten (und ggf. beantworten) und dem Navigationssystem folgen. Eine ähnliche Aufgabenbelastung kann die Fahrleistung bereits bei normalen Fahrten und geltender Verkehrsordnung beeinträchtigen. Wir untersuchen Ablenkung beim Steuern von Einsatzfahrzeugen im medizinischen Dienst. Ziel ist es das Gefahrenpotenzial von Einsatzfahrten abzuschätzen, die Belastung der Fahrer zu messen und Vorschläge für eine bessere Mensch-Technik-Interaktion in Einsatzfahrzeugen zu machen. Projektpartner ist das Deutsche Institut für Katastrophenmedizin, Tübingen.

Ansprechpartner: Tobias Grundgeiger


Kognitionswissenschaften: Prospektives Gedächtnis

Wenn Personen sagen sie wären vergesslich, beziehen sie dies meist nicht auf Vergangenes an das sie sich nicht erinnern können, sondern an Aufgaben, deren Ausführung sie vergessen haben. Das so genannte prospektive Gedächtnis umfasst die Fähigkeit eine gefasste Intention an dem richtigen Zeitpunkt in der Zukunft zu erinnern. In verschiedenen Projekten untersuchen wir wie z.B. medizinisches Personal prospektive Gedächtnisaufgaben erledigt (Feldstudien) und welche kognitiven Prozesse die prospektive Gedächtnisleistung verbessern oder verschlechtern (Laborstudien). Ziel ist einerseits die grundlegenden kognitiven Mechanismen, die für prospektive Gedächtnisaufgaben benötigt werden, zu erforschen und andererseits die Interaktion zwischen Mensch-Umwelt-Interaktion bei dem Erinnern von zukünftigen Aufgaben zu verstehen und zu verbessern. Diese Forschung wird gefördert von der DFG.

Ansprechpartner: Philipp Schaper, Tobias Grundgeiger